Unsere Ortsteile

Die früheren Dörfer und jetzigen Ortsteile Müssen, Billinghausen, Kachtenhausen und Ohrsen haben eine weit zurückreichende bäuerliche Tradition. Einige Höfe wurden schon vor über 800 Jahren in den Aufzeichnungen von weiter entfernt liegenden Klöstern erwähnt. Sie waren den Klöstern abgabepflichtig. Die Böden sind überwiegend fruchtbare Löß-Sand-Böden, die sich in der Folge der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren gebildet haben. Ebenfalls als Folge der Eiszeit wurden die Senken der Retlage und der Werre mit Sand und Kies gefüllt. Durch die intensive Auskiesung in den vergangenen Jahrzehnten wurde die Landschaft in unseren Ortsteilen deutlich verändert und geprägt.

Auch vor weit mehr als 1000 Jahren war unsere Region für die Menschen wichtig. Das Retlagetal war sicher schon in vorgeschichtlicher Zeit ein wichtiger Zugang zur Dörenschlucht, einer wichtigen Querung des Teutoburger Waldes. Ein Zeugnis aus der Bronzezeit ist der abgebildete Teil eines Bronzedolchs (10,5 cm), den ich vor 17 Jahren auf einem Müssener Acker gefunden habe, der jetzt allerdings eine Wasserfläche ist.

In den jetzigen Ortsteilen finden wir aber noch weitere Ortsbezeichnungen: Ottenhausen, Hachheide, Hüntrup, Breitenheide, Wellentrup und Ehlenbruch.   

Unsere Ortsteile sind weitgehend ländlich geblieben bzw. wieder geworden, denn in Müssen und in Billinghausen hat es mit Landwehr und Pieper nennenswerte Fleischverarbeitung gegeben. In Kachtenhausen produzieren die einstmals sehr bekannten Betriebe Bergmann und Echterhölter nicht mehr, aber durch die gute Anbindung über die B66 und die Nähe zur Autobahn haben sich für das Bergmanngelände sehr positive neue Nutzungen ergeben mit einer zunehmenden Zahl Arbeitsplätze.

Inschrift über einem Torbogen in Müssen von 1698. An dieser Stelle hat schon vorher ein Haus gestanden, das sehr viel früher gebaut wurde.

Ohrsen mit Ehlenbruch

 

 von Thomas Lange

Die ehemals selbständige Gemeinde Ohrsen mit seiner Bauerschaft Ehlenbruch ist gemes­sen an seiner Einwohnerzahl der kleinste der vier Ortsteile im neugegründeten SPD-Ortsver­ein Lage Süd-West. Ende 2012 wohnten 1.200 Bürger in Ohrsen. Mit 4,34 km² ist Ohrsen hinter Müssen jedoch flächenmäßig der zweitgrößte Ortsteil (siehe Wikipedia 04/2014).

Mit dem Bahnhof Ehlenbruch (jetzt Haltepunkt Ehlen­bruch) verfügte die Gemeinde Ohrsen früh über ein „Al­leinstellungsmerkmal“ gegenüber den anderen Lagenser Gemeinden. Der Bau der Bahnlinie Lage-Bielefeld im Jahr 1903 brachte jedoch nicht nur Vorteile: Nach Süden hin wurde ein Teil vom Gemeindegebiet „abgetrennt“.

Auf diesem südlich der Bahn liegenden Gemarkungsgebiet fand 1976 eine Wirtschaftsschau statt. Die hier ebenfalls neu entstandenen Häuser konnten im Rahmen dieser Schau als „Musterhäuser“ besichtigt werden. In der allgemeinen Wahrnehmung herrschte fortan der Eindruck vor: Diese neue – südlich der Bahn liegende – Siedlung gehört zu Kachtenhausen. Faktisch liegen jedoch der Sportplatz und auch Sportzentrum des TuS Kachtenhausen auf Ohrser Gemarkungsgebiet. Seit der Gebietsreform gehört natürlich alles zur Großgemeinde Lage.

Neben der ehemaligen Musterhaussiedlung sind die Ringstraße in Ehlenbruch sowie die Goldstraße und der Heidknapp weitere Siedlungsschwerpunkte im Gemarkungsgebiet.

Die Bauernhöfe konzentrieren sich auf das alte Dorf Ohrsen (vier Höfe) sowie die Hofanlagen in der Bauerschaft Ehlenbruch (ehemals fünf, jetzt noch vier Höfe). Für Ehlenbruch gilt die Besonderheit dass – auch wenn andere Dörfer weitaus älteren Ursprungs sind – Alter und Entstehung vollkommen gesichert und urkundlich nachweisbar sind. Am 13.01.1237 erteilte der Paderborner Bischof dem Zisterzienser Kloster Marienfeld die Erlaubnis, ein sumpfiges Waldgebiet zu kultivieren.

Um die Aufrechterhaltung des kulturellen, dörflichen Lebens kümmert sich seit der Großgemeindebildung der Bürgerverein Ohrsen-Ehlenbruch, dem viele Bürger angehören. Weiterhin sind viele Ohrser in Kachtenhauser Vereinen engagiert.

Das Gemarkungsgebiet gehört zu zwei Wahlkreisen (Pottenhausen und Kachtenhausen). Politisch – zumindest was die SPD angeht – gehört Ohrsen seit Anfang 2014 zum neuen Ortsverein Lage-Südwest.

 

Billinghausen

Zur Geschichte unserer Ortsteile

 

Von Ralf Jacobi

 

Bevor wir näher auf die Geschichte der einzelnen Ortsteile, die ehemals selbständigen Gemeinden Billinghausen, Kachtenhausen, Müssen und Ohrsen eingehen, zunächst einige allgemeine Ausführungen zu unserem Siedlungsraum und seiner Geschichte.

Der Naturraum

Die Grundlagen für das landschaftliche Erscheinungsbild wurden am Ende der Kreidezeit vor etwa 70 Millionen Jahren gelegt, als geotektonische Kräfte einen langgestreckten Gebirgskamm schufen, den wir heute als Teutoburger Wald kennen. Der Bereich nördlich der Dörenschlucht wird auch noch heute mit seinem alten Namen als Osning bezeichnet. Er besteht aus drei parallel verlaufenden Kämmen, von denen der nördliche aus Muschelkalk besteht und mit Münterburg und Hörster Egge die südliche Grenze unserer Ortsteile darstellt.

Während der Saale-Kaltzeit vor 250000 bis 130 000 Jahren drängten die Eismassen über die Porta auch bis in unser Gebiet vor und formten dabei u.a. das Lippische Flachhügelland, das sich zwischen Werre und westlicher Kreisgrenze erstreckt. Daneben führten die Gletscher auch Geschiebe mit, die bei ihrem Rückzug abgelagert wurden u.a. im Tal der Retlage und der Werre.

Während der Weichsel-Kaltzeit vor 115000 bis 10 000 Jahren erreichte das Eis unseren Bereich nicht mehr, dafür wurde aus eisfreien Gebieten feiner Staub ausgeblasen der sich auch in unserem Bereich abgelagerte. Dieser Löss ist die Grundlage der ertragreichen Böden. Aber auch aus der Senne wurde Sand verblasen, der sich im Bereich der Werre und der Retlage ablagerte, wovon die vielen Ablagerungen im Südosten und Osten von Müssen zeugen.

Unsere Ortsteile liegen also im Übergangsbereich vom Teutoburger Wald zum lippischen Flachhügelland.

Der südliche Bereich zwischen Werre/Retlage und der Kreisgrenze wird auch als lippisches Osning- Vorland bezeichnet.

Von der Geländetopografie her anfangs stark abfallend, später flacher werdend, steigt er im Bereich der Keuper Randhöhen, seiner nördlichen Begrenzung, die sich von Evenhausen bis Stadenhausen ziehen und im Bereich Ohrsen vom Haferbach unterbrochen werden, wieder an. Das Lippische Osning-Vorland wird durch etliche Bäche in Riedel (Erhebungen inzwischen relativ parallel laufenden Bächen) aufgeteilt. Im Westen wird unser Bereich vom Haferbach begrenzt, der zwischen Währentrup und Helpup die nördliche Kette des Teutoburger Waldes durchtrennt.

Aus der schon erwähnten hohen Güte der Lössböden resultiert eine hohe landwirtschaftliche Nutzung und damit verbunden ein geringer Waldbestand. Nur auf den Kämmen der Berge und auf staunassen Böden konnten sich größere Waldflächen erhalten. Zusammen mit der Topografie sind die Böden auch der Grund, weshalb in West-Lippe ein Streusiedlungsgebiet ist im Gegensatz zu den mehr geschlossenen Dörfern im östlichen Lippe.

Geschichtlicher Überblick

Ur- und Frühgeschichte

Wann in unserem Bereich zum ersten Mal Menschen siedelten, lässt sich natürlich nicht mehr klären. Aber aus der Mittelsteinzeit (10000 bis 5000 v. Chr.) liegen aus Oerlinghausen zwei Hüttengrundrisse vor und auch an den Retlager Quellen konnte ein Siedlungsplatz nachgewiesen werden, bei dem jedoch derzeit eine jüngere Entstehungszeit diskutiert wird. Anscheinend wurden die sandigen, leichten Böden im Bereich des Teutoburger Waldes und die Täler von Werre und Retlage als Siedlungplätze bevorzugt. Für unseren Bereich interessant ist, dass aufgrund einer hohen Funddichte in den 50er und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts zwei überregional verstandene Zeithorizonte als Billinghauser Gruppe und Retlager Gruppe bezeichnet wurden.

Für die Bronzezeit (2000 - 800 v. Chr.) stehen die Hügelgräber, die sich auf der Egge und dem Münterberg erhalten haben, aber auch Teile einer Grabausstattung eines leider zerstörten Grabes in Müssen, sowie Einzelfunde von Bronzewaffen, bei denen es sich wahrscheinlich auch um Grabbeigaben handelt.

Die Anlage des Tönsberglagers in Oerlinghausen um 300 vor Christi Geburt diente vermutlich der Kontrolle der Wistinghauser Schlucht, von der aus ein Weg entlang des Haferbachs u. a.  zu den Siedlungsplätzen in Pottenhausen und Holzhausen führte.

Während der Zeit der Völkerwanderung war unser Gebiet zwar nicht wie oft angenommen siedlungsleer, aber im sechsten und siebten Jahrhundert erfolgte eine Ausbreitung der Sachsen nach Süden in das lippische Gebiet.

 

Mittelalter

Mit dem Frühmittelalter und der fränkischen Eroberung begannen vom Bischofssitz in Paderborn aus im Zuge der Christianisierung der Ausbau der Kirchenorganisation. So wurde im neunten Jahrhundert die Stapelager Kirche erbaut.

Zudem könnte mit der möglichen Erstnennung des Havergau als „in pago Haboga“ von 822 bis 826 unser Bereich aus dem Dunkel der Geschichte treten. Einigermaßen sicher geschieht dies dann um 1003 bis 1005 mit der Erstnennung des Hofes Havergo in Müssen, wobei der Hof sicherlich schon wesentlich älter ist.

Der Havergau (Gau ist hier nicht als ein klar begrenzter Bezirk zu verstehen, sondern bezeichnet einfach eine Gegend, ein Gebiet) war Teil der Haholdschen „Grafschaft“ (auch dies war kein Territorium im heutigen Sinne) deren Besitzungen 1011 an den Paderborner Bischof Meinwerk fielen, der damit u.a. verschiedene Klöster ausstattete.

Als im Jahre 1185 die Zisterzienserabtei Marienfeld bei Gütersloh gegründet wurde, erhielt sie von den Schwalenberger Grafen den Meierhof in Stapelage, der zum Mittelpunkt des umfangreichen klösterlichen Besitzes im Osningvorland wurde. Diese Besitzungen waren Schenkungen, wurden erworben oder, wie das Waldhufendorf Ehlenbruch im Zuge der Binnenkolonisation selbst angelegt. Die auf diesen Besitzungen angesiedelten Bauern waren den Grund- und Leibherren, also dem Kloster Marienfeld, in vielfältiger Weise abgabenpflichtig. Daneben gab es aber auch noch andere Höfe, die der Kirche, anderen Klöstern, aber auch Adeligen gegenüber abgabepflichtig waren.

 Der kirchliche Einfluss blieb in unserem Bereich das ganze Mittelalter über sehr bedeutsam. Lediglich in Müssen konnten der Adel und die Landesherrschaft schon frühzeitig ihren Einfluss geltend machen.

Frühe Neuzeit

Ab 1500 kam es zu einem verstärkten Landesausbau durch die Ansiedlung neuer Bauernstellen (Hoppenplöcker/Straßenkötter) am Rande bestehender Siedlungen und auf Gemeinheitsgrund, was den Streusiedlungscharakter noch verstärkte. Zwar hatten diese Stätten meist nicht genug Land, um davon zu leben, aber der Boden war günstig für den Flachsanbau und so konnten sie mit Leinenweben ein wenn auch kärgliches Auskommen finden. Zum Zeitpunkt der ersten Volkszählung von 1609 lebten in den Bauernschaften Billinghausen, Müssen, Ohrsen und Wellentrup etwa 590 Einwohner auf 77 Stätten. Zum Vergleich: 1776 gab es 1262 Einwohner auf 127 Stätten. Die Volkszählung 1910 erfasste 2977 Einwohner in 496 Häusern und heute leben in den vier Ortsteilen 7624 Bürgerinnen und Bürger.

Weil das Gewerbe früher ein Privileg der Städte war und auf dem platten Land nur das für das Leben notwendige (Schmied, Flickschuster etc.) zulässig war, kam es schon im 18. Jahrhundert zur Arbeitsmigration/Wanderarbeit, die mit dem Niedergang des Leinengewerbes im 19. Jahrhundert noch verstärkt wurde. Die meisten Männer gingen als Ziegler ins „Ausland“.

Neuzeit

Der einsetzende Straßenausbau, aber vor allem der Bau der Eisenbahnstrecken förderte die Ansiedlung von Gewerbe und aus Zieglern wurden Fabrikarbeiter. Vorher stark landwirtschaftlich geprägte Orte wurden Gewerbestandorte. Heute geht die Entwicklung weiter, hin zu reinen Wohnorten.

Im Rahmen der Kommunalreform kam es 1967 zum Versuch der Gemeinden Billinghausen, Kachtenhausen, Müssen, Ohrsen und Wissentrup, zeitweise war auch Hörste beteiligt, eine eigene Großgemeinde zu bilden, die den Namen Havergau erhalten sollte. Der Plan scheiterte jedoch und seit 1970 sind die ehemals selbständigen Gemeinden Ortsteile der Stadt Lage.

Billinghausen

Billinghausen wird erstmals 1214  als „Billincgeshusen“ im Zusammenhang mit dem Tausch eigenbehöriger Leute zwischen dem Kloster Marienfeld und dem Ravensberger Grafen urkundlich erwähnt.

Die alte Gemarkung hat eine Fläche von 4,06 Quadratkilometern. Die höchste Erhebung mit 211 m befindet sich im Westen nahe dem Münterberg, der mit 117 m tiefste Punkt liegt in der Billinghauser Heide.

Billinghausen besteht neben der alten Ortslage am Schnittpunkt des Hellwegs mit dem alten Fahrweg von Ohrsen nach Stapelage aus den Wohnplätzen Barkfeld mit Hellenburg, Billinghauser Heide, Heysundern, Am Hellwege, Schieregge, Strang und Sunderbach.

 

Die Entstehung des Ortes dürfte weit vor der Erstnennung liegen. Vielleicht schon zu Beginn des Frühmittelalters im achten Jahrhundert. Kern sind die Hofstellen Obermeier Nr. 1 (heute Jürgensmeier) und Niedermeier Nr. 2 (heute Johanning). Sowohl die Namen, wie auch die Lage ihrer Flurstücke im 18. Jahrhundert im Gemenge und die damaligen Abgaben- und Dienstpflichten sprechen dafür, dass die beiden Halbmeierstellen aus der Teilung einer Vollmeierstelle entstanden sein dürften. Der Hof Düchting  Nr. 3 (heute Lohmann) mit seinem geschlossenen Grundbesitz könnte als Zweithof schon vor der Teilung des Meierhofs bestanden haben.

Daneben wird 1215 eine „curti nostre Barinch“, der spätere Hof Barkmeier Nr. 8 und 1239 ein „Retlache“, der spätere Hof Rethmeier Nr. 4, erwähnt. Ursprünglich lag der Hof Rethmeier nicht an seinem heutigen Ort, sondern an der Retlage im Bereich der heutigen Sandabgrabungen. Der Platz zwar vom 10. - 13. Jahrhundert besiedelt und fiel dann wüst. Archäologisch konnte eine Hofanlage und eine Mühle nachgewiesen werden.

Aber auch die beiden Kötter im Billinghauser Feld und Heuwinkel Nr. 5 bestanden schon im Mittelalter. Sie verdichteten nicht die Siedlung des Dorfes mit den altbäuerlichen Halbmeiern, sondern lagen abseits zum Rande der Gemarkung hin. Der Hof Heuwinkel (1488 Hoywinkel) hat seinen Namen wahrscheinlich vom Heysundern, das direkt südlich lag. Das Heysundern, zwischen Kammerweg, Steinweg und Neudörnweg gelegen, war bis ins 19. Jahrhundert ein Waldgebiet, das dem Kloster Marienfeld gehörte. Ausweislich einer Urkunde von 1484 durfte Marienfeld den „Heyg“ mit einem Zaun und Graben versehen, sozusagen „aussondern“, aber die Hude sollte gemeinschaftlich sein. Im Zuge der Säkularisation 1803 fiel das Heysundern an das Fürstenhaus.

Die am Ende des Mittelalters bestehenden acht Höfe (4 Halbmeier, ein Großmeier und drei Kleinkötter) gehörten bis auf Düchting Nr. 3 alle zur Grundherrschaft Marienfeld. Die Zugehörigkeit Düchtings zum Paderborner Domkapitel könnte ihn als Teil der ehemaligen Haholdschen Grafschaft ausweisen.

Im Verlauf der frühen Neuzeit kam es zur Ansiedlung neuer Stätten vor allem auf der Billinghauser Heide und dem Strang. Als 1768 die Gemeinheitsflächen der Billinghauser Heide geteilt wurden, konnten sich dort weitere Straßenkötter ansiedeln, so dass Billinghausen 1776 aus 26 Stätten mit 262 Einwohnern bestand. Zu dieser Zeit gab es in Billinghausen an nicht bäuerlichen Tätigkeiten neben dem Bauerrichter einen Schneider, einen Schuster sowie einen Bettler und 26 Personen betätigten das Spinnrad.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist der ursprünglich größte Billinghauser Hof Obermeier Nr. 1 wohl in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, denn der Hof wird auf zwölf Stätten verteilt. Teilweise waren es Neuansiedlungen, wie die Höfe nördlich des Hellwegs, teilweise wurde bestehenden Stätten etwas zugeschlagen und ein Teil blieb beim Althof.

Mit der Aufteilung der Gemeinheitsflächen des Heysundern 1859 konnten sich auch hier auf einem vormals geschlossenen Bereich ohne Besitzunterteilung neue Stätten ansiedeln, so dass Billinghausen 1910 über 133 Stätten mit 725 Einwohnern verfügte. Der dem Fürstenhaus verbliebene Teil des Heysundern fiel 1918 an das Land Lippe und wurde von diesem, später von seinem Nachfolger den Landesverband, zur Besiedlung zur Verfügung gestellt.

Als sich im April 1945 deutsche Truppen von Helpup nach Billinghausen zurückzogen, kam es zu Kämpfen, bei denen die Bauernhäuser von Jürgensmeier und Lohmann abbrannten.

Nach 1950 kam es zu einem starken Ausbau der Siedlungsgebiete in der Billinghauser Heide und vor allem im Heysundern und von dort in Richtung Breitenheide. Dies führte zu einem Zusammenwachsen mit der Gemeinde Müssen, zu der die Breitenheide gehört. Die Einwohnerzahl entwickelte sich entsprechend von 809 (1939) über 1339 (1968) zu 1857 (2013).

Billinghausen war früher wie fast überall auf dem platten Land fast ausschließlich von der Landwirtschaft geprägt. Diese Prägung hat sich in Billinghausen lange erhalten. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zur Hochzeit der lippischen Wanderarbeiter verließen 40,5 Prozent der männlichen Bevölkerung den Ort vom Frühling bis zum Herbst. Zwar gab es auch Gewerbe, am bekanntesten dürfte die „Lippischen Fleischwarenfabrik Gebr. Pieper“ sein, die im Oktober 1930 mit der Schlachtung von zwei Schweinen und einem Rind ihren Anfang nahm, leider 2007 ihr Ende fand, aber noch 1961 arbeiteten von 609 Beschäftigten 173 in der Landwirtschaft (=28,4%, 10,2% war der Durchschnitt im Kreis Detmold). Demgegenüber arbeiteten 364 Personen im Gewerbe und es gab 21 Gewerbebetriebe mit 178 Arbeitsplätzen. 341 Beschäftigte verließen den Ort zur Arbeit.

Diese landwirtschaftliche Prägung und das Selbstbewusstsein der Bauern fanden ihren Ausdruck auch 1910 in der Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins für Billinghausen und Hörste. Aber bereits 1875 bestand ein „Landwirtschaftlicher Verein Stapelage“.

Auch in Kirchenangelegenheiten sahen und gingen die Billinghauser über den Berg, denn schon früh waren sie ein Teil des 1262 erstmals erwähnten „Kirchspiels Stapelage“. Seit 2002 ist auch Müssen Teil der Kirchengemeinde. Noch vor der Kommunalreform hatte die Gemeinde Billinghausen einen eigenen Friedhof angelegt, auf dem eine Friedhofskapelle erbaut wurde, in der auch monatlich Gottesdienste der Kirchengemeinde stattfanden.

Weil früher die „Bildung“ Sache der Kirche war, mussten die Billinghauser auch hierfür nach Stapelage in die 1604 gegründete Schule. Aus dem 18. Jahrhundert liegen einige Berichte über den mangelhaften Schulbesuch der Billinghauser Kinder vor, sofern er überhaupt stattfand. Die Kötter der Billinghauser Heide wollten ihre Kinder nach Müssen schicken oder es sollte Schule auf einem der drei Halbmeierhöfe gehalten werden. Aber alles blieb beim alten und der Schule in Stapelage. Erst 1880 wurde Billinghausen eine selbständige Schulgemeinde und erbaute 1880/1881 ein Schulhaus, 1964 bis 1966 erfolgte der Neubau einer Grundschule an der Sängerstraße, die auch von Billinghauser Vereinen genutzt wurde und so etwas wie eine neue Ortsmitte wurde. Aber seit 2013 ist die Schule Billinghausen im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte.

2004 erbaute der TuS Billinghausen von 1919 mit finanzieller Unterstützung der Stadt Lage die Turnhalle am Kammerweg und zeigte damit die Lebendigkeit des Ortsteils auf. Aber auch andere Vereine wie der Gesangverein, die Arbeiterwohlfahrt Müssen-Billinghausen, die Gartenfreunde Billinghausen und die Dorfgemeinschaft Billinghausen kümmern sich um den Ortsteil und seine Einwohner.

Zusammenfassend kann man sagen: Billinghausen ist ein Ort mit viel Geschichte, einiges ist leider schon Geschichte, aber sicherlich auch mit viel Zukunft.